„Wer Massaker gesehen hat, kann sein Leben nicht wie gehabt weiterführen.“ Enrique Steiger, Schönheits- und Kriegschirurg

Enrique Steiger ist Schönheits- und Kriegschirurg. Was nach zwei Paralleluniversen klingt, ist in Wirklichkeit eine nützliche Symbiose. Dank seinem Netzwerk entsteht ein humanitärer Hub für Kriegsgebiete.

Während Zuhause in der Schweiz die schönen Dinge des Lebens auf ihn warten, empfangen ihn in den Kriegsgebieten Not und Elend, Bilder, die sich einbrennen. Ja, die Headlines bieten sich an bei ihm. Aber diesem Mann, der aussieht wie ein Bruder Richard Geres, wird nicht gerecht, wenn über seinem attraktiven Gesicht verkürzt «Zwischen Botox und Bomben» geschrieben steht.

Wer sein Leben aufs Spiel setzt, weil er dort gebraucht wird, wo sich so wenige hin getrauen, der sieht, wie Patienten und Mitarbeiter richtiggehend abgeschlachtet werden, der soll nicht nur auf das vermeintliche Paradox reduziert werden, dass er eben auch die Reichen der Welt schöner macht.

Dieser Teil seiner Vita hat mich denn auch weniger interessiert. Vielmehr wollte ich nachvollziehen, wie der Junge aus Zürich Witikon, halb Schweizer, halb Argentinier, zu einem der besten Chirurgen der Welt wurde. Einer, der sich nicht selbstzufrieden zurücklehnt wegen seiner erfolgreichen Karriere sondern einer, der seit Jahren vehement dafür kämpft, die Welt etwas besser zu machen, dort, wo sie zusammenbricht.

«Auch nach so vielen Jahren habe ich immer noch Ehrfurcht vor jedem Schnitt.»

Anna Maier: In jedem Beruf gibt es ein Primärerlebnis, das einen Stolz auslöst, wie zum Beispiel wenn ein Architekt zum ersten Mal vor seinem Haus steht, oder wenn ein Sänger zum ersten Mal den eigenen Song im Radio hört. Gab es bei Ihnen auch ein solches erstes Erlebnis, bei dem Sie dachten: Dafür kann ich mir selber auf die Schultern klopfen?

Enrique Steiger: Ein Primärerlebnis, welches mich bisher als Chirurg immer ein bisschen beeinflusst hat, ist, als ich als blutjunger Assistent nach Uster (Kt. Zürich) ins Spital kam und an meinem zweiten Tag bereits alleine einen Blinddarm operieren musste. Ich sah erst an diesem Morgen, wie das eigentlich funktioniert.

Ich habe meinen Chef angerufen und ihm gesagt: «Professor, es ist ein Blinddarm.» Ich dachte, dass er dafür kommen würde, aber er hat nur gesagt: «Ja, machen Sie mal. See one, do one, teach one.» Das war seine Antwort.

Dann operierte ich also an meinem ersten Tag meinen ersten Blinddarm. Der Blinddarm gilt nicht als Anfängeroperation. Ich redete mir gut zu. Du kennst die ganze Anatomie auswendig. Du weisst, wo du das Ding lokalisieren musst. Du kennst die Gefahrenstellen. Wenn du diese auslässt, dann kann nichts passieren.

Ich hatte zum Glück eine super Operationsschwester. Lange Rede kurzer Sinn: Diese Schwester hat mich so gut durch die OP geführt, sie hat eigentlich fast für mich operiert, aber hat mir nie den Eindruck gegeben, dass ich nicht selber fähig gewesen wäre. Ich ging dann zu Bett und habe wahrscheinlich dreimal ein Ave-Maria durchgebetet, dass der Patient überlebt.

Am nächsten Tag kam der Chef und der Patient sagte, dass es ihm bestens gehe, er keine Schmerzen habe und gerne nach Hause ginge. Mein Chef hat mich angeschaut und gesagt: «Sehen Sie, nur ein bisschen Selbstvertrauen, dann geht das schon.» Ich dachte nur: Der spinnt doch. Was für ein Risiko er eingegangen war. Er widerum hatte sich gedacht, dass ich nichts machen würde, was ich nicht kann, und wenn ich nicht mehr weiterkäme, würde ich ihn sicher anrufen.

In diesem Moment habe ich gemerkt, dass man in unserem Beruf ins kalte Wasser springen können muss. Das heisst nicht, dass man dadurch Patienten gefährdet, aber als Chirurg braucht man ein gewisses Draufgängertum. Später wird man oft Operationen machen, die man noch nie zuvor gesehen hat. Am Schluss findet man immer eine Lösung. Nur so kann man wachsen.

Ich glaube, das war die Initialzündung, die ich brauchte: Dieser Mann hatte Vertrauen in mich. Ich dachte also: Wenn ich mir selbst auch vertraue, kommt’s gut.

Aber im schlimmsten Fall hätte der Patient sterben können?

Das wäre ein bisschen weit gegriffen, aber er hätte ein Loch im Darm haben können, was zu einem Abszess hätte führen können. Dann hätten wir nochmal aufmachen müssen. Wenn er sehr schwach gewesen wäre, hätte er an einer Sepsis sterben können. Im Prinzip also: ja.

Heute gibt’s das alles nicht mehr. Diese Zeiten sind komplett vorbei. Heutzutage ist man total risikoavers. Das ist ein Punkt in unserer Gesellschaft, von dem ich bezweifle, dass er gut ist. Die Generation meiner Eltern war so viel mutiger. Man merkt, dass sie Krieg erlebt haben. Sie haben sehr viel Mut gebraucht. Sie haben sehr viel Verrücktes gemacht. Aber dadurch konnten sie ihr Leben mehr oder weniger zum Guten wenden. Hätten sie diesen Mut nicht gehabt, wären sie alle so risikoscheu gewesen wie heute unsere Politiker und Vorgesetzten sind.

Ich kann sagen: Ohne diesen primären Sprung ins kalte Wasser wäre ich nicht so weit gekommen.

Eine Chirurgin hat mir mal gesagt, dass mir das vermutlich kein anderer Chirurg bestätigen würde, aber es habe etwas Gottähnliches, wenn man im OP «Schnitt» sagt und alle darauf warten, dass man den Schnitt macht und einen unversehrten Körper versehrt. Gewöhnt man sich daran?

Ich weiss, was sie damit sagen will: Nicht, dass wir gottähnlich sind, weit davon entfernt, sondern, dass wir uns an ein göttliches Meisterwerk heranwagen und dieses versehren. Wir manipulieren ein Wesen, das wir selber hochhalten. Man hat null Hemmungen, ein Kälbchen zu schlachten, beim Menschen ist es aber etwas ganz anderes. Beim Menschen hat man Ehrfurcht.

Auch heute noch – nach so vielen Jahren – habe ich immer noch Ehrfurcht vor jedem Schnitt. Denn man weiss, dass man Millionen von Meilen von der Perfektion Mensch und deren Reproduktion entfernt ist. In Sachen Wiederherstellung bin ich weit von der göttlichen Perfektion entfernt. Als Unfallchirurg war ich weit davon entfernt, zu verstehen, wie genau ausbalanciert diese Maschine Mensch ist.

Ein Grund, warum ich nicht in die Neurochirurgie ging, war, weil ich Respekt davor hatte, wie anspruchsvoll die Operationen sind. Auch heute kratzen wir in der Neurochirurgie nur an der Oberfläche. Wir behaupten zwar, dass wir tiefer gehen, aber ich glaube, dass wir noch enorm weit von den effektiven Möglichkeiten der Neurochirurgie entfernt sind.

Deshalb habe ich mir gesagt, ich bleibe an der Oberfläche. Ich habe aber damals unterschätzt, wie anspruchsvoll diese Oberfläche sein kann.

Was ist für Sie die Oberfläche?

Die geht bis zum Muskel. «Tiefe» ist für mich der Verdauungsapparat, das Herz, die Lunge, das Gehirn usw. Wir werden häufig etwas abschätzig als «Oberflächenchirurgen» bezeichnet, weil wir mit dem Skelett, der Haut und den Weichteilen zu tun haben. Es gibt aber nur ganz wenige Chirurgen, die diese «Oberflächen-Anatomie» so im Detail kennen wie plastische Chirurgen.

«Ich habe im Einsatz keine Zeit für Emotionen.»

Sie haben in der Unfallchirurgie begonnen. Was waren Ihre Aufgabengebiete? Was lagen für Patienten auf dem OP-Tisch?

Hauptsächlich polyblessierte, also schwer traumatisierte Patienten, die zB. vom Kran gefallen sind, in schwere Verkehrsunfälle verwickelt waren, Verbrennungen erlitten haben.

Damals waren Sie noch sehr jung – ein Anfänger. Ist es nicht ein sehr anspruchsvolles Gebiet, um als Chirurg seine ersten Schritte zu machen?

Damit kommen wir zurück zu meiner ersten Operation: Ich habe in meinem Leben immer Challenges gesucht. Egal, was ich mache, es muss anspruchsvoll sein. Ich fand immer, dass die innere Medizin, mit ihrer Komplexität, oder die Dermatologie, oder die Onkologie, welche extrem anspruchsvoll ist, zwar alle sehr faszinierend sind, aber der Chirurg ist der Mediziner, der fast alle Probleme lösen kann.

Ein Chirurg kann – wenn er sich dafür interessiert – auch innere Krankheiten behandeln, aber ein Internist kann kein Herz operieren. Das kann er nicht. Deshalb habe ich immer gedacht, dass der Arzt, der mit den meisten Werkzeugen ausgerüstet ist, der Chirurg ist.

Das habe ich dann auch später so erlebt: Als Chirurg konnte ich alle Probleme lösen. Meinen Anästhesisten konnte ich sogar als Internist missbrauchen. Ich habe zu ihm gesagt, dass er sich um diese Sachen kümmern soll. Er solle ausrechnen, wie viel Kalium dieser Mensch braucht. Als Chirurg ist man der vollumfängliche Arzt.

Wenn wir von Unfallopfern sprechen, die verstümmelt, zerfetzt zu Ihnen kommen: Wie schaffen Sie es, dass dieser Anblick Sie nicht auf diese Art und Weise trifft, wie es mich treffen würde?

Es gibt einen grossen Unterschied zwischen Ihnen und mir, wie wir den Verletzten betrachten. Sie schauen ihn als Menschen an, der leidet. Ich bringe null Emotionen rein. Natürlich habe ich Empathie, natürlich tut mir der Mensch leid, natürlich möchte ich ihm helfen, aber ich empfinde keine Emotion für ihn.

Ich schaue ihn technisch an. Ich zerlege ihn quasi. Ich scanne ihn von Kopf bis Fuss. Ist er bewusstlos, atmet er, sind seine wichtigen Organe durchblutet? Vor mir entwickelt sich ein Netz von Blutgefässen, Nerven, Knochen usw. Es entfaltet sich ein Scan, den ich mir dreidimensional anschaue.

Dann gehe ich immer tiefer und versuche, herauszufinden, wo die Kugel hinging, welche Organe zerstört wurden. Das passiert noch alles, bevor ich ihn ins Röntgen schicke. Ich beginne mit Analysieren und Überlegen. Ich habe keine Zeit für Emotionen. Der Patient will von mir auch keine Emotionen. Er will sein Problem möglichst rasch gelöst haben. Das ist meine Betrachtungsweise.

Wie haben Sie sich diese angeeignet?

Wenn man das nicht kann, hat man in unserem Beruf nichts verloren. Wenn man emotional wird – ich habe noch nie einen Chirurgen gesehen, der emotional wurde –, dann ist man im falschen Job.

Es gibt aber Kriegsärzte, die mit der Situation nicht wirklich umgehen können, oder?

Ja. Wir hatten einmal ein Flüchtlingslager in Goma. Das haben wir während des Ruanda-Massakers im Jahr 1994 aufgebaut. Sechs Monate nachdem ich wieder zu Hause war, sah ich einen CNN-Beitrag, wo einer meiner Patienten auf einer Bahre in ein Ambulanzzentrum getragen wurde.

Neben ihm lief eine junge französische Ärztin, hielt seine Hand und war am weinen. Da dachte ich für mich, wenn Sie in unserem Team gearbeitet hätte, hätte ich sie auf der Stelle nach Hause geschickt. Aus dem einfachen Grund: Sie hat nichts zu heulen, sie muss Stärke zeigen. Sie ist der einzige Leuchtturm für diese Menschen in dieser Misere.

Wenn ich als Patient sehe, dass der Arzt heult, dann bekomme ich Angst, weil ich denke, dass er es nicht im Griff hat. Man muss die Situation absolut eiskalt, analytisch, nicht empathielos, aber emotionslos betrachten.

«Man realisiert schnell, dass es kein Spiel ist sondern bittere Realität.»

In Ihren ganz jungen Jahren – damals waren Sie, glaube ich, noch Assistenzarzt – gingen Sie für die UNO nach Namibia, an die Grenze zu Angola. Was haben Sie dort erlebt?

Es war kurz vor Schluss des Krieges. Die UNO war da, um den Übergang in eine Friedenszeit zu begleiten. Ich wurde als blutjunger Offizier im Rang eines Oberleutnants von der Schweizer Armee dorthin geschickt, um als Chefarzt der ganzen Region Sektor 10 zu dienen. Da waren ungefähr 4’000 indonesische, finnische, malaysische, italienische und spanische Einheiten stationiert, die diese Grenze überwachen mussten. Sie mussten schauen, dass dort die internationalen Vereinbarungen eingehalten wurden.

Ich war im fünften Assistenzjahr und wollte schon lange viel mehr machen. Es ging mir zu langsam vorwärts. Ich wollte ein Sabbatical nehmen von fünf, sechs Monaten und mit Freunden in die Karibik segeln gehen.

Dann kam plötzlich mein jetziger Partner auf mich zu und erzählte mir, dass sie jemanden suchen, der als UNO-Offizier nach Namibia geht. Ich dachte mir, dass ich damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen kann: Ich mache ein Out of Africa Adventure und verdiene mir gleichzeitig in unserem Militär den Rang ab.

Sie haben es sich als romantisches Abenteuer vorgestellt?

Ja, ich wollte ein romantisches Abverdienen machen. Von beidem ist schlussendlich nichts eingetroffen. Wenn man zum ersten Mal in einer solchen Militärbasis landet, wo zig Verletzte aus Transportflugzeugen ausgeladen werden, Jagdflugzeuge aufmunitioniert werden und reihenweise starten, dann realisiert man schnell, dass es kein Spiel mehr ist. Das ist brutale Realität.

Mein Glück im Unglück war, dass alle anderen Einheiten im Land Frieden hatten. Nur in meinem Sektor gab es Rebellen, die sich nicht entwaffnen liessen und dadurch von der südafrikanischen Armee liquidiert oder gejagt wurden. Wir haben die Patienten in diesen Missionsspitälern zusammengesammelt, in unser kleines Spital gebracht und sie dort unter UNO-Schutz gestellt, was wir eigentlich gar nicht durften. Dort haben wir relativ viele Schwerverletzte gehabt, vor allem mit Schussverletzungen.

Was heisst, «was wir eigentlich gar nicht durften»? Sie haben auf eigene Faust gehandelt?

Ja, wir hatten kein Mandat zum Schützen.

Warum haben Sie das gemacht?

Ich dachte, that’s the right thing to do.

Sie unterordnen sich nicht gerne?

Nein, ich passe mich gerne an ein System an. Aber wenn ich finde, dass das System nicht funktioniert, dann bin ich halt manchmal nicht erreichbar. Damals gab es nur Telex und Funk…

Was wäre passiert, wenn Sie sich nicht um diese Patienten gekümmert hätten?

Die wären gefangen genommen worden, gefoltert worden und dann vermutlich verschwunden.

Vermutlich, oder haben Sie es so erlebt?

Ja. Sie müssen wissen, dass die damals noch im Kriegsmodus waren. Da gab es die Koevoets, eine Spezialeinheit der Südafrikaner, die sich daran gewöhnt war, Menschen im grossen Stil umzubringen. Das war ihre Aufgabe. Sie mussten den Gegner vernichten.

Wie immer, wenn ein Krieg zu Ende geht, gibt es viele Menschen, die nicht ausserhalb eines Kriegsgeländes existieren können. Das sind die sogenannten War Junkies. Diese sind sehr gefährlich. Auch in einem geordneten, zivilisierten Land wie Südafrika gab es diese Elemente, die immer noch auf Jagd waren, obwohl im ganzen Land verkündet wurde, dass nicht mehr gekämpft würde.

Sie dachten sich aber, dass die andern ihre Gesetze verletzt hatten und nicht hierhin gehörten. Es brauchte einige Monate, bis diese Leute sich anpassten. Wir haben wesentlich dazu beigetragen, indem wir klipp und klar sagten: «No way! Es geht nicht mehr weiter so.»

Das hat funktioniert?

Ja, das hat funktioniert. Die Offiziere, mit denen ich zusammengearbeitet habe, die Geheimdienstleute, die Spezialeinheiten haben immer gesehen, dass wir uns stark einsetzen. Sie haben gesehen, dass wir von der Bevölkerung sehr schnell akzeptiert wurden.

Ist der Ärztekittel ein Schutzschild in solchen Situationen?

Als Arzt ist man, wie als Pfarrer, oft die glaubwürdigste Person, wenn man als Aussenstehender kommt.

Auch die hilfreichste, oder?

Ja, die hilfreichste und die glaubwürdigste. Sie wissen, dass unser ärztliches Geheimnis genauso gilt wie die Schweigepflicht vom Klerus. Bei Medizinern geht das noch viel tiefer. Zudem spreche ich sechs Sprachen fliessend. Ich konnte zwar kein Südafrikaans, aber jeder verstand Englisch.

Ich war jung, naiv, aufgestellt, optimistisch. Das waren alle meine Kollegen. Wir haben uns zusammengetan und gesagt, es macht Sinn, diese Leute zu schützen. Wir haben das gar nicht gross diskutiert. Es gab dann Journalisten, die davon hörten und es auch publizierten. Als von der Presse dann ein positives Feedback zurück kam, kamen wir nochmals mit einem blauen Auge davon, obwohl wir überzeugt waren, das Richtige getan zu haben.

Die Schweizer waren damals komplett unerfahren in Auslandmissionen. Unser Vorgesetzter wusste selber nicht genau, wie eine solche Mission abläuft. Was wir damals in Eigenregie machten, war ganz bestimmt nicht im UNO Mandat drin. Wir hatten sogar einen Zwischenfall, der es bis auf die Titelseite der Herald Tribune schaffte.

Was stand da?

Dass wir Rebellen vor der südafrikanischen Armee schützten in einem kleinen Missionsspital.

Und das stimmte auch?

Ja, das stimmte. Die Missionare wollten, dass wir uns um diese verletzten Rebellen kümmern. Wir betrachteten dies als unsere Aufgabe und waren uns nicht bewusst, dass die UNO keinen Schutzauftrag hatte. Die Südafrikaner waren erbost, das UNO Hauptquartier in New York fand das gar nicht lustig. Da die Südafrikaner sich aber nicht von einer negativen Seite zeigen wollten, und wir transparent und kooperativ waren, wurde das Ganze nicht weiterverfolgt.

Ich muss auch betonen, dass die Südafrikaner sich immer absolut korrekt aufführten. Ich habe erst später gelernt, dass sich staatliche Autoritäten nicht immer an die Spielregeln halten.

«Meine Frau hat mich davor bewahrt, ein «War Junkie» zu werden.»

 Das war Ihr erster Einsatz, fünf Monate Abenteuer, und Sie kamen als Held nach Hause.

Nein, eher wie ein müder, kleiner Schweizer Soldat, der gerade von einem beschwerlichen WK zurück gekehrt ist.

Was für ein Fazit zogen Sie damals?

Ganz einfach: Was mir gefallen hat, war, mit so vielen verschiedenen Menschen aus so vielen verschiedenen Kulturen, gemeinsam eine Aufgabe zu bewerkstelligen. Die Aufgabe, Frieden in eine Nation zu bringen, die 20 Jahre lang nur Krieg kannte. Die Anerkennung und die Dankbarkeit der Bevölkerung für unseren Beitrag waren so gross, das hat uns alle mit Genugtuung und Emotionen erfüllt.

Mir wurde anschliessend ein Chefarztposten in einem anderen Konflikt in Kambodscha angeboten. Hätte ich nicht kurz zuvor meine Frau geheiratet, wäre ich nicht kurz zuvor zum Ehemann geworden, wäre ich wahrscheinlich gegangen. Ich glaube, meine Frau hat mich davor bewahrt, zu einem War Junkie zu werden, der von einem Krieg in den anderen zieht.

Ich habe den Eindruck, dass Sie doch einer sind, sonst würden Sie nicht seit bald 30 Jahren von Konflikt zu Konflikt tingeln und weiterhin dort operieren. Was passierte beim ersten Mal, dass Sie es wieder und wieder erleben wollten?

Ich merkte, dass ich für dieses Leben geboren bin. Es entspricht meinen Fähigkeiten.

Eine Berufung?

Ja, Berufung, vielleicht kann man es so sagen. Ich bin dazu berufen, diese Art von Arzt zu sein. Ich glaube, ich kann Ordnung ins Chaos bringen und Menschen in schwierigen Lebenssituationen helfen.

Woran liegt es, dass viele Ärzte das nicht wollen und sagen, ich gehe sicher nicht ins Kriegsgebiet, wo die Gefahr besteht, dass ich im Sarg zurückkehre?

Weil sie ein gut funktionierendes Gehirn haben und eine gut eingestellte Risikoanalyse. Man muss wohl gestört sein, wenn man das macht. Aber das denke ich auch von jedem Base Jumper oder Skirennfahrer, der mit 100 km/h einen steilen Berg runterbrettert. Das würde ich nie in meinem Leben machen. In ein Kriegsgebiet zu gehen, wo ich weiss, dass die Wahrscheinlichkeit zu sterben viel grösser ist, nehme ich ganz anders wahr.

Warum?

Wahrscheinlich, weil es einen Unterschied macht, ob ich dort bin oder nicht. Ich war noch nie an einem Ort, an dem wir nicht irgendetwas zum Besseren verändern konnten. Ich sehe, dass viel weniger Menschen sterben, wenn wir da sind. Was gibt es Wertvolleres, als andere Leben zu retten, wenn man schon sein eigenes riskiert?

Wir sind als Ärzte dafür prädestiniert und berufen. Dass nicht jeder seine Familie und alles riskieren will, verstehe ich voll und ganz. Wenn Sie mich als 14-jähriger Junge gefragt hätten, hätte ich den Kopf geschüttelt. Damals hätte ich nie im Leben sowas gemacht. Da ich aber peu à peu reingerutscht bin und es immer gut ausging, denkt man irgendwann, man sei…

…unsterblich?

Nein, aber man hat das Gefühl, man sei unverletzbar. Das ist ein bisschen gefährlich. Im Ersten Weltkrieg hat das vielen das Leben gekostet. Wenn ein Soldat nach vorne stürmte und als einziger zurückkam, dachte er, er sei unverletzlich. Eines Tages geht das nicht mehr auf, das ist mir auch bewusst. Ich glaube, man muss unter einem gewissen Verhältnisblödsinn leiden.

Trotzdem kenne ich viele Ärzte – ich bin ja nicht der einzige –, die immer wieder an die Front zurückkehren. Wenn Sie all diese Ärzte fragen, warum sie das machen, erhalten Sie keine klare Antwort. Einige sagen, wir machen es für uns selber, das glaube ich in gewisser Weise auch.

Als Psychohygiene, weil Sie etwas von Ihrem schönen Leben hier zurückgeben möchten?

Auf eine Art schon, ja. Ich habe ein sehr privilegiertes Leben. Ich wuchs wirklich privilegiert auf. Im Krieg sah ich Elend auf exponentielle Art und Weise. Man sieht Frauen und Kinder, die keinen Schutz mehr haben. Diese Leute hatten vor einigen Wochen ein normales Leben wie Sie und ich, und dann plötzlich versinkt alles im Chaos und Inferno. Wenn man das sieht, kriegt man automatisch auch ein Schuldgefühl.

Ich besitze die Fähigkeiten, diesen Menschen zu helfen. Ich in meinem Beruf als Arzt kann ihre Wunden pflegen, kann sie operieren und dadurch überleben sie das Ganze. Wenn man diese Massaker sieht, die ich gesehen habe, dann ist Helfen nicht mehr nur ein Wollen, sondern es ist eine Verpflichtung.

Wenn man in diesen Abgrund reingeschaut hat, kann man sein Leben nicht wie gehabt weiterführen. Das ist nicht möglich.

«Ich schaue mich um wie ein Tier, wenn es vor dem Löwen steht.»

Sie sind als anderer Mensch zurückgekommen?

Ja, ich habe hundertprozentig ein posttraumatisches Stresssyndrom, das ich verarbeite. Da bin ich mir sicher. Nicht vom ersten Einsatz. Den ersten Einsatz in Angola fand ich spannend, es machte sogar Spass. Den richtigen Wake-up-Call hatte ich in Ruanda.

Was passierte dort?

Da wurden wir konstant bedroht.

Auch Sie?

Ja, die Granaten schlugen in Spitäler ein, meine Patienten wurden umgebracht vor meinen Augen, meine Mitarbeiter wurden umgebracht. Wenn man sieht, wie Menschen um einen herum umgebracht werden, dann passiert was mit einem.

Wie haben Sie überlebt?

Ja, das frage ich mich bis heute. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich in solchen Situationen nicht leicht in Panik gerate.

Wenn ich in einer Situation bin, in der ich merke, dass es um Leben und Tod geht, dann geht bei mir alles im Zeitlupentempo. Mein Gesichtsfeld schrumpft und ich fokussiere mich genau auf das. Ich fahre mich herunter und habe das Gefühl, dass ich stundenlang überlege, wie ich mit der Situation fertig werde.

Ich hatte eine solche Situation auch mit meiner Tochter, als sie beinahe im Meer ertrank. Wenn ich dort in Panik geraten wäre, wäre sie hundertprozentig ertrunken.

Durch das, dass ich mich fokussiere, kann ich ganz ruhig werden. Ich bleibe stehen und schaue mich um, wie ein Tier, wenn es vor dem Löwen steht.

Wie sie vorher erwähnt haben, braucht es eine gewisse emotionale Distanz, um mit Extremsituationen klarzukommen. Gab es Momente, in denen die Emotionen doch da waren?

Nie in einer Situation, in der ich oder mein Umfeld in Gefahr war. Ich kann sehr emotional werden, wenn ich böse bin oder wenn ich Ungerechtigkeit spüre. Dann muss ich mich selber zusammenreissen. Aber nie in Situationen, wo es ums Verhandeln geht mit anderen Kulturen oder Menschen.

Ich habe so vielen Massenmördern die Hand geschüttelt und mit den grössten Verbrechern der Welt verhandelt, und trotzdem muss man ruhig, nüchtern und überlegt verhandeln. Sie müssen Abkommen treffen, damit Sie und Ihre Leute dort ruhig arbeiten und wieder rauskommen können. Vieles davon haben unsere Organisationen gar nie mitbekommen.

Sie mussten nicht rapportieren?

Doch, aber wir haben es oft bewusst heruntergespielt, weil wir wussten, dass es Gefahr birgt, dass man uns vorzeitig evakuieren würde. Am Schluss wollten man uns  alle in Ruanda auswechseln, aber kein einziger von uns wollte seinen Posten verlassen. Wir waren unter konstantem Druck, wie Sie ihn sich kaum vorstellen können.

Ich sage immer wieder, es gibt zwei Gruppen von Menschen, die ich in meiner Laufbahn als Humanitärer angetroffen habe. Es gibt die, die schnell Angst haben. Die packen sofort zusammen und gehen. Das ist ein vernünftiges, gutes Verhalten.

Und es gibt ein paar Leute, die den Verhältnisblödsinn haben und nicht sofort einknicken. Es ist immer die selbe Art von Mensch, man erkennt sie sofort. Ich weiss, dass ich mich auf diese Leute verlassen kann. In einer Gruppe von zehn Menschen sind das aber vielleicht einer oder zwei.

«Es ist nicht meine Aufgabe, über Menschen zu richten.»

Sie haben gesagt, dass Sie das Helfen als Verpflichtung spüren. Das ist ein sehr ehrbarer Grund. Sie helfen aber allen Menschen, dazu sind Sie verpflichtet als Arzt, also auch solchen, die später wieder morden werden. Wie vereinbaren Sie das mit sich selber?

Ich bin kein Richter. Ich bin nicht der, der richtet über diese Menschen. Ich weiss viel zu wenig, warum es so weit kam.

Sie sind aber auch ein Mensch. Und hassen Ungerechtigkeit.

Ja, aber als Arzt dürfen Sie in diese Richtung keine Emotionen zeigen. Ich habe in Ruanda wissentlich oder unwissentlich Massenmördern das Leben gerettet. Es ist aber nicht an mir, zu urteilen. Das ist eine schwierige Situation. Deshalb frage ich meine Patienten auch nie aus. Wir fragen nur, was passiert ist. Sie sagen, sie seien getroffen worden. Das reicht mir. Wir wollen nicht mehr wissen.

Sie wollen keine emotionale Bindung zum Patienten?

Nein. Es passiert aber immer wieder. Ich habe Ihnen diese Geschichte erzählt vom kleinen Mädchen, das ich im Feuer getroffen habe. Zwischen hunderten von Leichen und Menschen, die verbrannt worden sind, treffe ich ein kleines Kind. Das war ganz am Anfang meiner Tätigkeit. Ich packe das Kind ein, bringe es in ein Missionsspital, behandle es und ohne es zu merken, baue ich eine emotionale Verbindung auf. Ich fand es so tapfer und stark, dass ich es adoptieren und mit nach Hause nehmen wollte.

Warum haben Sie es nicht gemacht?

Weil mich mein Vorgesetzter gefragt hat, warum dieses Kind und nicht alle tausend anderen? Das war die erste Frage und die zweite war, ob ich es mit meiner Frau besprochen habe. Diese zwei Argumente haben mich überzeugt. Das dritte war: Verfalle nicht den Emotionen, denn sonst kannst du nicht mehr hier arbeiten.

Und Sie konnten den Schalter drehen, obwohl Sie nicht wussten, was mit dem Mädchen passiert?

Es hat mir weh getan. Ich habe natürlich auch an meine Frau gedacht. Was würde sie sagen, wenn ich mit einer kleinen Ruanderin nach Hause kommen würde.

Was hat sie später dazu gesagt?

Sie hat gesagt: «Ich hätte involviert sein wollen.» Natürlich hätte sie sie aufgenommen. Sie hätte genau gleich reagiert, wenn ich die Geschichte erzählt hätte. Sie hätte es aufgenommen mit all den eventuellen Problemen und Komplikationen, denn man weiss ja nicht, was für ein Trauma das Kind in sich trägt und wann es wieder ausbrechen wird.

Es war aber das absolut einzig Richtige, das Kind dort zu lassen. Ich habe mich noch jahrelang um das Mädchen gekümmert. Irgendwann entschwand sie dann. Ab diesem Moment ist mir das nie mehr passiert.

Ab dann war ich ein Hardcore-Humanitärer. Das heisst nicht, dass ich keine Empathie habe. Ich habe auch Kinder, die ihre Eltern verloren hatten, in den Armen gehalten, habe ihnen Schokolade gebracht, habe sie getröstet. Aber nur soweit und nicht weiter. Es war nicht so, dass ich sie jeden Abend gehalten hätte. Es sind viel zu viele Leute, um die man sich kümmern muss. Man hat keine Zeit für alle.

«Die Frustrationstoleranz muss enorm hoch sein.»

Die Wertschätzung der Bevölkerung ist sicher gross, wenn man so wie Sie Leben retten kann. Trotzdem gibt es wohl Situation, in denen die technischen und medizinischen Möglichkeiten fehlen, um den Menschen umfassend zu helfen. Wie gehen Sie damit um, wenn Sie merken, dass es Ihre Fähigkeit übersteigt, so zu helfen, wie Sie gerne möchten?

Jeder Einsatz ist eine konstante Anhäufung von schlechten Erfahrungen und Situationen. Konstant. Undankbarkeit, Unwille, Bösartigkeit, Gier, Hass – man ist mit sehr viel Negativität konfrontiert. Die Frustrationstoleranz muss enorm hoch sein, dass man das macht.

Meistens fängt es schon bei der Einreise an. «Was machen Sie hier? Sie haben hier nichts verloren!» Die Opfer, die direkt Betroffenen, sind dankbar, aber das Umfeld nicht. Mit dem muss man sich abfinden. Man muss mit wenig möglichst viel erreichen.

Sie operieren nicht in Spitälern, nehme ich an, sondern zum Teil direkt auf dem Feld. Was sind das für Zustände, wie muss man sich das vorstellen?

Ich habe schon überall operiert. Ich habe schon in Ställen operiert. Generell versuchen wir, in ein Spital zu gehen und nicht in Schulhäusern oder Ställen operieren zu müssen. In Ruanda hatten wir ein Spital, aber das war nicht sicherer und auch nicht hygienischer als die anderen Einrichtungen.

Sie müssen sich vorstellen, die haben fast nichts. Wir waren froh, wenn wir wenigstens fünf bis sechs Stunden Elektrizität hatten pro Tag, fliessendes Wasser und Personal, das arbeiten wollte.

Auch das Personal hat Familien, die bedroht werden. Die meisten ziehen sich zurück und kommen nicht mehr. Es kam oft vor, dass wir diese Missionen alleine durchführten. Sobald ich meine Patienten geheilt hatte, wurden sie als Krankenpfleger eingesetzt. Man hat die Menschen quasi recycelt. Als wir in Liberia eingeschlossen waren, haben viele Angehörige und Patienten im Operationssaal assistiert. Sie improvisierten von A bis Z.

Durch meine Arbeit an der Front habe ich so viel erlebt, aber auch schon so viele aussergewöhnliche Menschen kennengelernt, wie Nelson Mandela in Südafrika, eine Journalistin, die später UNO-Botschafterin wurde, Staatspräsidenten,  oder Leute in Afghanistan, die damals auf der Ten Most Wanted-Liste stehen. Und das nur, weil man der einzige Arzt auf tausend Kilometer Radius ist.

«Meine Familie musste viel auf mich verzichten, auch bei wichtigen Familienanlässen.»

Es scheint mir aber auch eine einsame Position, da Sie über vieles nicht wirklich reden dürfen oder können. Wie stark können Sie zum Beispiel Ihre Frau involvieren in die Geschichten, die Sie erleben?  

Meine Frau wurde noch nie direkt damit konfrontiert. Ich wollte sie immer davor schützen, denn ich hatte Angst davor, dass sie mich sonst nicht mehr gehen lassen würde. Zudem wollte sie es auch nicht immer wissen. Sie kennt mich, und sie weiss, dass ich nicht einer bin, der nein sagt. Deshalb will sie aus eigenem Selbstschutz oft gar nicht mehr wissen.

Heute frage ich mich, ob es nicht an der Zeit wäre, meine Frau mehr zu involvieren. Vor allem, weil ich nicht mehr direkt an die Front gehe. Vielleicht ist das gar keine schlechte Idee, damit meine Frau sieht, für was sie so viel Opfer gebracht hat. An der Konfirmation meiner Tochter war ich nicht da, weil ich im Krieg am Operieren war. Es gab viele Familienanlässe, an denen meine Familie auf mich verzichten musste.

Das ist ein hoher Preis.

Ja, das tut mir heute wahnsinnig weh. Klar stellt man sich dann die Frage nach dem «Warum». Warum verlässt man das sichere Umfeld und riskiert alles? Ich wusste aber, dass meine Familie gut aufgehoben war, die Leute dort unten aber im Minutentakt starben.

Dann kommt dieses Pflichtgefühl, dieser Virus, den ich in mir trage, der mich zwingt, den Koffer zu packen und in einem kleinen, schmuddeligen, gottverlassenen Ort aus dem Helikopter zu steigen, mit dem Jeep ins Nirgendwo zu fahren, um irgendwelchen Menschen zu helfen.

«Ob es Sinn macht, Soldaten zusammenzuflicken, die dann wieder morden?»

Man weiss, dass Menschen, die im Krieg waren und zurückkommen, häufig Mühe bekunden, wieder in ein normales Leben eingegliedert zu werden. Wie kommen Sie mit beiden Welten klar?

Ich konnte diese Trennlinie immer bewahren. Zum einen war ich nie zu lange drin. Ich machte das nie jahrelang. Ich lege immer wieder Unterbrüche ein. Dadurch komme ich schnell wieder in die normale Welt zurück.

Bei ganz schlimmen Missionen brauchte es eine gewisse Akklimatisationszeit. Wobei, als ich aus Ruanda zurückgekommen bin, ging ich am nächsten Tag zur Arbeit. Dadurch, dass ich schnell wieder meinen normalen Arbeitsrhythmus aufnehme, kann ich das irgendwie abfangen.

Sie kommen dann zurück und verschönern hier die Leute. Kommt einem das nicht unglaublich banal vor, wenn man Stunden vorher versucht hat, einen abgetrennten Arm wieder anzunähen?

Das Schlimmste ist, wenn man das Gefühl hat, man verschleudert die eigenen Fähigkeiten. Dann kommt ganz schnell der Punkt, dass ich für meine Familie sorgen muss, dass meine Familie vor allen anderen ein Recht darauf hat, mich zu sehen.

Aber um auf Ihre Frage zu antworten: Wenn ich hier bin, ist das meine Tätigkeit, und meine Patienten erwarten von mir genauso 150prozentigen Einsatz wie die Patienten im Kriegsgebiet. Man muss im Stande sein, von einem Zimmer ins andere zu gehen und die Türe hinter sich zu schliessen. Man muss sich relativ schnell von der einen Welt in die andere adaptieren können. Ich gebe zu, wenn ich Kinderarzt wäre oder Unfallchirurg, dann wären diese Übergänge gleitender und vermutlich weniger…

…plakativ?

Plakativ, ja. Es wäre einfacher. Es ist viel schwieriger, wenn ich von einer Patientin höre, dass sie noch ein Fältchen wegmachen lassen möchte. Dann denke ich schon, gestern stand ich vor 20 toten Kindern und du kommst mit dem blöden Fältchen. Dennoch hat sie den Anspruch. Sie hat das bezahlt und darf auch ein perfektes Resultat erwarten.

Ihre zwei Welten bergen eine gewisse Provokation: Den tieferen Sinn der Schönheitschirurgie sieht man viel weniger im Gegensatz zu dem, was Sie in den Kriegsgebieten leisten.

Diese Sinnfrage stelle ich mir nicht. Wenn man es in aller Konsequenz bedenkt, gibt es nichts, was wirklich Sinn macht. Wir werden geboren, irgendwann werden wir begraben, und das war’s. Zwischen diesen zwei Stationen versucht man, seinem Leben Sinn zu geben aufgrund der Fähigkeiten und fantastischen Möglichkeiten, die unser Wesen und unsere Intelligenz zulassen.

Ob es Sinn macht, junge Soldaten zusammenzuflicken, die dann wieder ihr Gewehr fassen und andere Leute umbringen, oder ob ich in der Schweiz einer Frau das Gesicht verschönere, die nachher Freude daran hat, dass sie nicht mehr alt und müde, sondern wieder jung und frisch aussieht, das kann ich nicht werten. Ich würde mich nicht wagen, das zu werten.

«Wie ein Bordellbesitzer: Alle kommen gerne zu mir, aber niemand kennt mich.»

Dann frage ich anders: Was ist das Spannende an der Schönheitschirurgie, in der Sie weltweit zur Spitze gehören?

Veränderungen faszinieren mich. Einen Menschen so zu verändern, auch wenn es nur die Hülle ist, dass es beim Wiederherstellen möglichst nahe ans Original rankommt und gleichzeitig möglichst ästhetisch aussieht, ist extrem anspruchsvoll. Da ich aus einer Familie komme mit einer Mutter, die Künstlerin war…

…sie war Opernsängerin…

Ja, aber sie konnte auch sehr gut zeichnen. Wir alle hatten das Glück, dass wir gewisse Talente erben durften. Wir können zeichnen und haben künstlerisch etwas mitbekommen. Daher fand ich in der plastischen Chirurgie diese Symbiose aus meinem Interesse fürs Technisch-Analytische vereint mit der Ästhetik, mit Formen, Farben, Konturen.

Von all den Gebieten, auf denen ich gearbeitet habe, auf der Herzchirurgie, auf der Neurochirurgie – ich gehöre zu den Dinosauriern, die noch sehr breit ausgebildet worden sind –, von all diesen Gebieten hat mich dieses fasziniert.

Ich hatte zwei Vorbilder, nämlich meine beiden Vorgesetzten auf der Wiederherstellungschirurgie am Universitätsspital Zürich. Die haben mich wirklich inspiriert. Verbrannte Leute hatten eine so starke Verbindung zu diesen Ärzten übers ganze Leben hinweg. Immer wieder musste etwas verbessert oder verändert werden, so dass das Monster wieder zu einem Menschen wird. Diese Transformation fand ich sehr faszinierend.

Sie sagen, Sie hätten die persönliche Bindung von Verbrennungsopfern mit ihren Ärzten faszinierend gefunden. Das Paradoxe an Ihrem Beruf: Sie kennen alle, aber niemand kennt Sie draussen auf der Strasse, denn niemand will zugeben, dass man etwas machen liess. Sie haben diese Bindung also überhaupt nicht.

Nein, ich vergleiche mich immer mit einem Bordellbesitzer. Jeder kommt gerne zu mir, aber niemand kennt mich. Ich sage auch zu meinen Patienten: Seien Sie nicht böse, wenn ich Sie auf der Strasse nicht grüsse, das ist nicht unhöflich gemeint, aber ich will nicht, dass Ihre Freunde oder Bekannten sagen, «Du bist auch beim Steiger? Wieso kennst du Steiger?». Aber damit kann ich gut leben. Wir haben bereits über 40’000 Patienten behandelt.

Von wem erhalten Sie Wertschätzung?

Schon von meinen Patienten. Man hat zwar auch unzufriedene Patienten. Man kann es nie allen recht machen. Ich bin ein Perfektionist, und die Patienten erwarten das von mir. Aber wenn die Erwartungen so hoch sind, muss ich ihnen manchmal sagen, dass ich nicht Harry Potter bin und nicht zaubern kann. Ich muss den grundphysikalischen, biologischen Gesetzen folgen. Ich kann keine Wunder vollbringen. Ich lehne 15% der Patienten ab, weil ich ihren Erwartungen nicht entsprechen kann.

Wenn man so selektiv ist, hat man zu 99,9 % zufriedene Patienten. Ich kann wirklich sagen, dass ich Freude habe an meinen Patienten. Ich kenne spannende, verrückte, hochinteressante Persönlichkeiten rund um den Globus. Ich hätte nie gedacht, dass ein kleiner Junge aus Witikon eine solche Reichweite erreichen kann mit einem Beruf.

«Der Schwerpunkt an der Front soll bei den Einheimischen liegen.»

Sie gehen demnächst wieder in ein Kriegsgebiet. Sie sprechen schon seit Jahren darüber, dass Sie zu Ihrem Schutz bewaffnete Soldaten oder Sicherheitspersonal bei sich haben möchten. Wie weit sind Sie da? Was ist der aktuelle Stand?

Wir mussten unser Projekt etwas ändern. Ich habe gemerkt, dass wir unserer Zeit viel zu weit voraus sind. Wir haben alles in Bewegung gesetzt. Wir waren sogar bei der Regierung. Was wir feststellen mussten, ist, dass ich meinen Beruf an den Nagel hängen und mich nur noch diesem Projekt widmen müsste, wenn wir das durchziehen wollten.

Es braucht grosse, starke Partner, die es unterstützen. Das Vertrauen dieser Partner muss zuerst verdient werden. Wir haben jetzt einen Hinterweg gefunden. Wenn wir nicht mehr an der Front sein können, müssen wir andere Wege finden, wie man Menschen an der Front helfen kann. Wir haben uns gefragt: Wie können wir diese Sicherheitssituationen umgehen, ohne dass Helfer ihr Leben riskieren müssen?

Viele haben uns gesagt, versucht doch mal, andere Wege zu finden. Ich bin aber auch heute noch felsenfest davon überzeugt, dass in einer Situation wie Ruanda eine leichtbewaffnete Einheit Autorität ausgestrahlt hätte, die viele Menschenleben hätte retten können. Ich sehe aber auch, dass die politischen Widerstände so gross sind, dass wir es so immer noch nicht durchsetzen können. Das haben wir in den letzten Jahren erfahren müssen.

Wir kamen auf eine neue Idee. Dieser andere Weg ist, dass wir zusammen mit Internationalen Hilfsorganisation versuchen, an den Grenzen zu Kriegsgebieten Zentren aufzubauen, wo wir gleichzeitig Ärzte ausbilden und Patienten behandeln können. Hier wären weder das Personal noch die Patienten gefährdet.

Dadurch können wir mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Wir können anspruchsvollere Medizin bieten, die wir im Kriegsgebiet gar nicht stellen könnten, weil die Infrastruktur nicht vorhanden ist. Die Wiederherstellungschirurgie könnten wir in einer solchen Professionalität in einem Kriegsgebiet gar nicht anbieten. Gleichzeitig können wir aus diesen Regionen Ärzte bei uns ausbilden, die wir wieder zurückschicken können. Die können dann vor Ort helfen.

Hilfe zur Selbsthilfe für Einheimische?

Ja. Mein Schwerpunkt der Stiftung ist, dass aufgehört wird, solche «weissen Ritter» wie mich, die ein paar Monate dort sind und nachher wieder gehen, in Kriegsgebiete zu entsenden. Das war immer meine grösste Frustration. Wir müssen beginnen, Menschen vor Ort so auszubilden, dass es den Steiger nicht mehr braucht.

Wer kümmert sich um die Ausbildung?

Die machen wir. Wir haben ein Konzept entwickelt mit einem Spital, das von einer interantionalen Hilfsorganisation finanziert wird. Zusammen mit der Amerikanischen Universität von Beirut haben wir eine Partnerschaft gegründet, mit der wir Medizinpersonal in einem akademischen Umfeld ausbilden können.

Dort lernen sie, wie man mit schweren Schussverletzungen umgeht, auf was sie schauen müssen, Hygienestandards, wie die Nachbehandlung aussieht, wie die Anästhesie sein muss, wie die Physiotherapie aufgebaut sein muss. Sie lernen die ganze Kette kennen, damit sie durch eine richtige Erstversorgung, unötiges Leid und Missbildungen in Zukunft verhindern können.

Wenn die ausgebildete Person dann in Aleppo, Homs oder Hama in einem kleinen Spital die Verletzten behandelt, dann weiss sie, wenn sie die Hand richtig eingipst, kann der Patient die Hand später noch bewegen, und so verhindert werden, dass er später arbeitsunfähig oder invalid wird. Wenn ich die Verbrennung von Anfang an richtig behandle, dann verhindere ich, dass das Kind entstellt wird und dass die Glieder nicht mehr funktionieren.

Der Schwerpunkt an der Front soll künftig bei den Einheimischen liegen und nicht bei den Ausländern. Wir müssen Sie so unterstützen, dass sie sich in Zukunft selber helfen können. Was viel effektiver und nachhaltiger ist.

«Ich möchte mich nicht davonstehlen.»

Wie weit sind Sie damit?

Die Hilfsorganisation ist schon seit zwei, drei Jahren dran. Wir konnten das Projekt mit ihrer Unterstützung zusammen ausbauen. Jetzt dehnen wir die Ausbildung aus auf alle Gebiete, also Handchirurgie, Gesichtschirurgie, schwere Gesichtsverletzungen, Verbrennungsbehandlungen, Knochenverletzungen, Weichteilverletzungen, Mikrochirurgie. Alles, was auch ein Kantonsspital Zürich bieten kann, können wir dort auf bescheidenerem Level auch.

Wir hoffen, dass wir in diesem Jahr mit diesen Ausbildungen anfangen können. Wir fangen mit kleinen Gruppen an und versorgen Kriegsverwundete aus fünf verschiedenen Kriegsgebieten.

Wie generieren Sie die nötigen finanziellen Mittel?

Wir haben eine grosse Fundraising-Aktion gestartet, fragen bei grossen Organisationen an. Bis jetzt kam unsere Idee sehr gut an, vor allem weil es ein Hilfe-zur-Selbsthilfe-Projekt ist.

Es ist eigentlich erstaunlich, dass es das nicht schon längst gibt.

Ja, wir haben drei junge Orthopäden aus Syrien und dem Libanon, die seit drei Jahren bei uns sind. Die sind schon jetzt so gut, die brauchen noch zwei Jahre, dann könnten sie das Zentrum selber übernehmen. Unser Ziel ist es, dieses Projekt in fünf Jahren auf hohem Niveau zu übergeben.

Die Ärzte verstehen, dass man, wenn in ihrer Region ein Krieg ausbrechen sollte, das Spital in eine andere Region  verlegen und dort weitermachen kann mit Patienten, die transportfähig sind. Es sind Ärzte vor Ort, die mit der Sprache und Kultur vertraut sind. Sie wissen genau, wie sie sich verhalten müssen. Das Risiko, dass ihnen etwas zustösst, ist viel kleiner.

So kreieren wir einen Pool von Ärzten, die wir in der ganzen Region einsetzen kann. Wenn das Konzept «Wiederherstellungschirurgie» funktioniert, können wir es hoffentlich in zwei, drei Jahren auf weitere medizinische Spezialgebiete wie Kindermedizin, Frauenheilkunde, Geburtshilfe usw. erweitern. Wir wollen einen humanitären Hub aufbauen für umliegende Kriegsgebiete.

Wo genau?

Im Libanon. Dort sind wir schon sehr weit. Wir behandeln dort bereits Patienten aus Syrien, Yemen und anderen Kriegsgebieten. Ich reise in diesen Tagen wieder in diese Gebiete, um neue Patienten zu rekrutieren in Flüchtlingslagern und in Grenzgebieten. Seit zweieinhalb Jahren sind wir am Aufbauen.

Es hört sich an wie eine sinnvolle Nachfolgeregelung. Wie lange werden Sie selber noch an der Front tätig sein?

Wenn ich gesundheitlich so fit bleibe, wie ich jetzt bin, hoffe ich auf mindestens noch zehn Jahre.

Das heisst, Sie minimieren das Risiko nicht, einmal bei einem solchen Einsatz zu fallen.

Nein, ich möchte mich nicht davonstehlen. Was wir erreichen möchten mit diesem Projekt im Libanon, ist, dass wir wieder ins Feld, an die Front gehen können. Dort kommt dann hoffentlich unsere Schutzidee zum Zug. Wir haben diesen Pool von Menschen, die uns das politische Gewicht geben werden.

Wir hoffen sogar, Unterstützung von einer riesigen Softwarefirma zu erhalten, die ich noch nicht nennen darf, die aber jeder kennt und tagtäglich benutzt. Sie wollen uns eine Software schreiben, damit wir über sichere Kommunikationsmittel verfügen, so dass unser Personal uns vom Feld aus Bilder der Patienten schicken kann, uns anfragen kann, wie die Patienten behandelt werden sollen, dass wir ihnen sogar Instruktionen geben können über diese Technologie.

Handys funktionieren interessanterweise überall in jedem Krieg. Sie können dann sogar einen Panic Button drücken, wenn sie bedroht werden. Verstehen Sie, wenn wir so etwas haben, ist es nicht mehr nur eine Vision, sondern dann haben wir etwas Handfestes, Praktisches, das an der Front funktioniert.

Ihre Frau kann sich nicht auf einen ruhigen Lebensabend mit Ihnen freuen?

Sie hat mir gesagt, dass sie mich nicht ständig zu Hause haben will. Sie will, dass ich etwas arbeite, ich sei unerträglich, wenn ich zu Hause rumsitze.

www.swisscross.org

Text: Anna Maier
Bilder: Jean-Pierre Ritler

Anna Maier im Gespräch mit Enrique Steiger.

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Hoppla, etwas ist schief gelaufen...

1. Februar 2019
Vom Schubladisieren und Sezieren.

Kommentare

  • Beat Merki
    REPLY

    ein interessantes Interview mit dem Chirurgen Enrique Steiger der in zwei Welten arbeitet wo die Diskrepanz kaum grösser sein könnte, auf der einen Seite die Glamour-Welt des Schönheitschirurgen und auf der anderen Seite die brutale Realität der Kriegsopfer denen er hilft mit seinen Opertionen. Einmal mehr wieder von Dir eindrücklich verfasst, Danke Anna und liebe Grüsse. Beat

    1. Februar 2019
  • Maerki Werner
    REPLY

    Einfach grossartig!

    2. Februar 2019
  • Verena A. Schütz
    REPLY

    Ich finde das Interview auch ganz toll gemacht. Sehr schöne Fotos auch – unter inhaltlich interessant.

    4. Februar 2019
  • Tanja Bartholdi
    REPLY

    Da schöpft ein Spezialist sein volles Potential auf breiter Ebene aus. Toll, weil mutig, ehrlich und unzimperlich. Einfühlsam und anschaulich beschrieben. Thx, Tanja Bartholdi

    4. Februar 2019

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