«Niemand bringt mich zum Schweigen.» Michelle Demishevich, Journalistin

Wenn die Transfrau aus ihrem Alltag in Istanbul erzählt, tun sich Abgründe auf. Damit sich die Übergriffe nicht wiederholen, schreit die 40jährige ihre Erlebnisse in die Welt hinaus.

Sie ist eine Erscheinung. Grossgewachsen und selbstbewusst betritt sie ein Kaffee im Leipziger Künstlerviertel. Michelle Demishevich ist freundlich und offen. Dennoch misstrauisch. Wer könnte es ihr verübeln, bei ihrer Geschichte?

Als «Journalist in Residence» ist die Türkin mit serbischen und griechischen Wurzeln nach Deutschland gekommen. Dieses Angebot des Europäischen Zentrums für Presse- und Medienfreiheit ECPMF bietet die Möglichkeit eines maximal halbjährigen Aufenthaltes für Journalisten, die in ihrem eigenen Land nur unter erschwerten Bedingungen arbeiten können. (Weitere Informationen dazu gibt es HIER.)

Keine Wohnung.

Nicht nur die Arbeit, auch der Alltag Demishevichs in der türkischen Millionenmetropole Istanbul glich einem einzigen Hürdenlauf. Die Hindernisse präsentierten sich zuweilen fast unüberwindbar, nur schon die Suche nach einem Zuhause gestaltete sich schwierig:

«Es geht hier um Ehre und Moral. Solche Begriffe spielen in der türkischen Gesellschaft eine wichtige Rolle, weil man sie wunderbar einsetzen kann, um Menschen auszuschließen. Und da Transfrauen geradezu als unmoralischste und ehrloseste Personen innerhalb der Gesellschaft gelten, denken Vermieter, sie könnten die traditionelle Familie schützen, indem sie uns keine Wohnungen geben.»

Wenn man als Transgender trotzdem eine Wohnung angeboten erhalte, dann bezahle man gut und gerne den doppelten Betrag und habe auch keine Sicherheit, könne jederzeit aus der Wohnung gewiesen werden.

Ein Teufelskreis. Wer keine Wohnung hat, lebt auf der Strasse. Wer auf der Strasse lebt, ist deren Gesetze ausgeliefert. «Als obdachloser Transgender bist du Freiwild. Und wenn du tot im Strassengraben liegst, dann steht im Polizeibericht nur ‘Ein lebloser Körper wurde gefunden’. Da steht nicht: ‘Eine Transfrau wurde gefunden’. Die Regierung, die Politik, das Rechtssystem schliesst uns aus.»

Michelle Demishevich redet sich in Rage. Zuviel hat sie erlebt, seit sie sich vor bald 20 Jahren einer geschlechtsangleichenden Operation unterzog. Der Grund dafür ist so simpel wie klar: «Ich wurde eine Frau, weil ich mich wie eine fühlte.» Ein Schritt, den sie nicht bereut, auch wenn er für ihr Leben massive Konsequenzen hatte.

Kein Recht.

Empfindlich traf sie, dass sie beim mittlerweilen eingestellten Fernsehsender IMC-TV gekündigt wurde. IMC galt als einer der letzten unabhängigen Nachrichtenkanäle in der Türkei. 2016 – nach dem gescheiterten Putschversuch – wurde der regierungskritische Fernsehsender von Polizisten gestürmt und geschlossen.

Bereits früher beendet wurde die Zusammenarbeit mit Reporterin Demishevich. Dass sie mehr arbeitete als ihre Kollegen, konnte sie akzeptieren, «denn ich liebe meinen Job und zähle keine Stunden». Dass sie aber die Hälfte des Lohnes ihrer Kollegen verdient habe, stiess ihr sauer auf.

Was sie als noch schlimmer empfand: Ihr sei vom Arbeitgeber – im Gegensatz zu allen anderen Mitarbeitern – die Krankenkasse nicht bezahlt worden. Darauf angesprochen, soll ihre Chefin gesagt haben: «Jetzt hör mal auf, dich zu beklagen. Wir geben dir eine Chance, du würdest da draussen nie einen Job finden.»

Demishevich, im Herzen eine Kämpferin, im Kopf Realistin, versuchte, durch ihre Arbeit zu überzeugen. Nach einem Jahr die erste Live-Schaltung. Unsicher war sie und gespannt auf die Feedbacks aus der Redaktion. «Toll hast du das gemacht! Sehr professionell, weiter so!», wurde sie von der Moderatorin gelobt.

Copyright: IMC TV

Mit erhobenem Haupte stolzierte sie ins Büro der Chefin, gestärkt durch die vielen positiven Rückmeldungen, die sie in den Gängen des Nachrichtensenders erhielt. Was sie erwartete, war aber eine Kritik. Eine, die sie bis heute nicht verstehen kann, hatte sie doch nichts mit dem Inhalt ihrer Arbeit zu tun. «Ich sah nur deine roten Lippen! Ich konnte dir gar nicht zuhören. Die lenkten zu sehr ab», soll die Nachrichtenchefin gesagt haben.

Wer Demishevich erlebt, weiss: Sie ist keine, die eine solche Aussage unkommentiert lässt. «Hey, wir sind Frauen! Wir können Lippenstift tragen oder Miniröcke, wann immer uns danach ist. Das ist unser Recht.» Dass dies in ihrer Heimat nicht alle so sehen wie sie, ist ihr bewusst. «Natürlich weiss ich das! Aber ich kann und will es nicht akzeptieren. Das Problem ist, dass die meisten Transgender Angst haben vor Restriktionen und deshalb nicht kämpfen. Alleine kann ich aber herzlich wenig ausrichten.»

Keine Arbeit.

Es kam, wie es kommen musste: Die Aufmüpfige erhielt die Kündigung. Sie beharrt darauf, dass es wegen ihrem Lippenstift war, das Signalrot hätte ihre Vorgesetzte «provoziert». Die Verantwortlichen beim Nachrichtensender wehrten sich gegen die Vorwürfe und stellten sich auf den Standpunkt, die Kündigung basiere auf Michelle Demishevichs konfrontativer Art im Umgang mit Interviewten. Viele hätten sich beschwert.

Job weg, danach die Wohnung, die sie nicht mehr bezahlen konnte. «Ich war obdachlos, lebte auf der Strasse. Aber weisst du was? Ich bin stolz, weil ich mich nicht unterkriegen liess.»

Es irritiert, dass sie fast exakt den selben Satz benutzt, als sie davon erzählt, wie sie vor vielen Jahren vergewaltigt wurde. «Natürlich hatte ich ein Trauma, aber ich wollte stark wirken gegenüber den Männern, den Vergewaltigern. Danach ging ich zu einem Anwalt. Aber es passierte nichts.»

Ein Schicksal, das in Istanbul viele Transfrauen mit ihr teilen. «Gewisse Männer sehen uns als Freiwild. Und ja, leider werden die wenigsten für ihre Tat bestraft.»

Nun ist sie in Deutschland. Erhielt vom ECPMF an einem sicheren Ort eine kleine Wohnung zur Verfügung gestellt und ein Smartphone. «Twitter gibt mir eine Stimme. Dieser Umstand stellt gleichzeitig meinen Schutz dar. Wer gehört wird, der kann nicht so einfach mundtot gemacht werden.»

Als Kolumnistin für die taz.gazete (der deutsch-türkischen Online Publikation der links ausgerichteten Taz.die Tageszeitung) und für das Radio Cosmo des Westdeutschen Rundfunks Köln WDR beschreibt sie schonungslos, mit was sie in ihrem Leben konfrontiert wird. «Es ist wichtig, der Welt meine Geschichte zu erzählen. Vielleicht kann ich so ein bisschen dazu beitragen, dass die nächste Transgender-Generation nicht dasselbe durchmachen muss wie ich.»

Keine Opferrolle.

Mit ihrem Visa darf Demishevich maximal ein halbes Jahr in Deutschland bleiben. Und was erwartet sie zurück in der Türkei? «Ich werde wohl verhaftet, ich weiss es nicht. Aber es wird sich keine Presseorganisation für mich einsetzen, weil ich eine Transfrau bin. Die Welt wird sehen, was für einer Doppelmoral wir Transgender ausgesetzt sind», wagt sie eine düstere Prognose.

Und trotzdem verfällt sie nicht in eine Opferrolle, sondern bleibt kämpferisch – und positiv: «So lange Erdogan an der Macht ist, wird sich nichts ändern. Die nächste Regierung wird sich vielleicht entschuldigen. Wir werden es sehen. Ich zumindest glaube daran, dass der Friede gewinnen wird.»

Michelle Demishevich auf Twitter: @demishevich

 

Bilder: Stefan Jermann

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Kommentare

  • Beat Merki
    REPLY

    Eine beeindruckende Geschichte, es ist schon traurig, dass es immer noch Staaten gibt welche Menschen die nicht der sogenannten Norm entsprechen diskriminiert und verfolgt werden und das im 21. Jahrhundert. Bewundernswert ist der Mut dieser Frau in Deinem Bericht und ich wünsche diesen Menschen, dass ihnen vermehrt solche Möglichkeiten geboten werden in einem sicheren Land leben zu können wo solche Diskriminierungen nicht geduldet werden, ja sogar rechtlich verurteilt werden. Danke Dir Anna für die immer wieder sehr eindrücklichen von Dir verfassten Berichte! Einfach toll….

    15. März 2018

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